Die Südstaatenlady
Es ist Sommer in New Orleans im Jahre 1850.
Die Hitze in diesem Jahr ist fast unerträglich. Sarah saß mit ihrem Baby im Arm auf der Veranda, die am Haus ihrer Eltern nachträglich angebaut wurde. Ihre Eltern, Anna und David McPherson, sind vor einundzwanzig Jahren, ein Jahr nachdem sie selbst geboren wurde, aus England hierher ausgewandert um in diesem fremden Land ihr Glück zu finden.
Sie dachte an die Erzählungen ihrer Eltern und ihre eigenen Erinnerungen.
Sarahs Eltern waren damals in dem Alter wie jetzt sie selbst, als sie diesen Schritt wagten. In England lebten sie ein bescheidenes Leben des Mittelstandes auf dem Land. Oft erzählten sie Episoden aus ihrer Kindheit, die sie gemeinsam verbracht hatten. Schon ihre Eltern waren Nachbarn. Als sie das Erwachsenenalter erreicht hatten, starben Sarahs Großeltern mütterlicherseits durch ein Unglück. David kümmerte sich rührend um Anna, die jetzt ganz allein war, dadurch wurde das Band zwischen ihnen noch fester und sie beschlossen, ihr Leben gemeinsam zu verbringen und zu heiraten. Die Hochzeit wurde im engen Kreis gefeiert, für ein großes rauschendes Fest hatten sie kein Geld. Schon damals schworen sie sich, ihre Kinder sollten es einmal besser haben als sie selbst.
Elf Monate nach der Hochzeit wurde Sarah geboren. Die Vorbereitungen für die Übersiedlung liefen damals schon auf Hochtouren.
Als sie dann neun Monate alt war, konnte die weite Reise über den Ozean beginnen. Oft erzählten ihre Eltern von der beschwerlichen etwa drei Monate dauernden Fahrt mit einem Segelschiff. Leider war ihnen der Wind nicht gnädig, sodass sie fast drei Wochen mit Flaute sich kaum von der Stelle bewegten.
Sarah erinnerte sich, wie ihr Vater ihr zu ihrem zehnten Geburtstag erzählte, dass sie genau an dem Tag als sie ein Jahr alt wurde, zum ersten Mal in New York amerikanischen Boden betraten. Zur Feier des Tages bekam sie von den Zollbeamten Süßigkeiten geschenkt und wurde von ihnen verwöhnt.
Nach einer Nacht in einer schäbigen Notunterkunft für Einwanderer, die ihnen die Beamten vermittelten, machten sie sich dann auf den Weg nach New Orleans.
In New Orleans angekommen, war das nächste Problem eine Unterkunft zu finden, in der sie für längere Zeit bleiben konnten und die nicht sofort ihre restlichen Ersparnisse auffraß. Sie fanden Unterschlupf in einer kleinen Pension, die mehr als notdürftig eingerichtet war. Gleich am nächsten Tag machte sich David, ihr Vater, auf die Suche nach Arbeit. Von irgendwas mussten sie ja leben. Ihre Ersparnisse wurden von der Überfahrt nach Amerika fast aufgebraucht. Nach drei Wochen hatte ihr Vater Glück. Er fand eine Anstellung als Verwalter bei Sam MacAllister, einem in der Nähe angesiedelten Großgrundbesitzer, der Baumwolle anbaute. Dieser stellte ihnen auch ein kleines Häuschen zur Verfügung, das sie bewohnen konnten, solange Sarahs Vater bei ihm angestellt war.
Die Freude über so viel Glück war groß. Innerhalb kurzer Zeit siedelten sie samt ihrer wenigen Habseligkeiten in das kleine Häuschen auf der Baumwollfarm um.
Anna, Sarahs Mutter gab sich die größte Mühe das Haus so wohnlich und gemütlich wie möglich zu gestalten. So wuchs Sarah in bescheidenen Verhältnissen auf, aber trotzdem fehlte es ihr an nichts.
Sie fand auch Anschluss an Joshua, den zwei Jahre älteren Sohn des Großgrundbesitzers, dem einzigen Kind von Angelina und Sam MacAllister. In deren Haus konnte sie ein und ausgehen, wie es ihr beliebte. Auch war sie eine sehr beliebte Spielgefährtin der Kinder der anderen Plantagenbesitzer, aber auch der Kinder der Sklaven, die auf der Farm arbeiteten. Sie alle liebten Sarahs heiteres Wesen.
Ihr Vater schien auch bei seinem Boss einen sehr guten Stand zu haben. Innerhalb von knapp zwei Jahren erhöhte dieser seinen Lohn um mehr als das Doppelte, sodass sie sich auch ein eigenes kleines Stück Land kaufen konnten. Als Sarah zehn Jahre alt war, war es so weit. Ihre Eltern konnten es sich leisten, auch ein Haus auf dem Land zu bauen, dass sie sich gekauft hatten. Dorthin zogen sie um und lebten fortan dort. Leider hatte das den Nachteil, dass Sarahs Kontakt zu Joshua fast abbrach. Denn durch die andere Schule die sich jetzt besuchen musste, war es ihr fast nicht mehr möglich, ihren Spielgefährten auf der Plantage zu besuchen. Aber dafür fand sie in der Stadt schnell Anschluss zu den anderen Kindern.
Ihre Eltern erwarben nach und nach immer mehr Grund und Boden. Auch aus dem bescheidenen Haus, das anfangs gebaut wurde, wurde immer mehr ein kleiner Palast. An – und Umbauten am Haus wurden vorgenommen, Gärten angelegt, Brunnen gegraben, Bäume gepflanzt. Auch Bedienstete gab es inzwischen, die Anna die Hausarbeit abnahmen.
So viel Glück sie im neuen Land gefunden hatten, so unglücklich waren sie aber auch, dass David und Anna nach Sarah nie wieder Kinder bekommen hatten, so sehr sie es sich auch wünschten, ihr Wunsch wurde nie wieder erfüllt.
Eines Tages vor inzwischen sieben Jahren, Sarah war damals fünfzehn, wurde ihr Vater auf einem seiner Ausritte von Räubern angegriffen und bei diesem Überfall getötet. Fortan waren Sarah und ihre Mutter auf sich alleine gestellt. Da nun der Ernährer fehlte, konnten sie sich auch keine Bediensteten mehr leisten und mussten alle entlassen. Auch einige der Ländereien hatte Anna verkauft. Nur das kleine Stück Land, auf dem ihr Haus stand, das sie in mühevoller Kleinarbeit aufgebaut hatten, behielten sie. David hatte im Laufe der Jahre ein kleines Vermögen angesammelt, von dem sie jetzt einige Zeit zehren konnten.
Sarah bat ihre Mutter oft, sich einen Ehemann zu suchen, denn irgendwann würde sie selbst auch einen finden, den sie heiraten würde und aus dem Haus gehen. Aber ihre Mutter sagte immer wieder, sie wolle keinen anderen Mann. Sie habe dies ihrem David geschworen, als sie nach Amerika auswanderten. Anna fand eine Anstellung in einem kleinen Laden in New Orleans, wo sie täglich für ein paar Dollar einige Stunden aushalf. Sam MacAllister hatte ihnen kurz nach dem tragischen Überfall angeboten, zum Gut umzuziehen und dort ohne Miete zu leben. Aber Anna lehnte dies immer wieder ab. Sie wollte nicht auf Kosten anderer leben, auch ihr geliebtes Haus hätte sie dann verlassen müssen.
Als Sarah achtzehn Jahre alt geworden war, umwarb sie ihr Spielgefährte Joshua, der Sohn des Großgrundbesitzers, bei dem ihr Vater gearbeitet hatte. Schon als Kind fühlte sie sich von ihm angezogen und sie malte sich immer aus, irgendwann einmal seine Frau zu werden. Sie träumte davon, wie er sie in einer großen Kutsche zur Kirche abholen und sie ihm dort die ewige Treue und Liebe schwört. Da sie aber von einem niedrigeren Stand als Joshua war, konnte sie es sich nicht vorstellen, dass er jemals um ihre Hand anhalten würde.