Einmal Küste und zurück
Auszug aus Teil 2 - Freiheit
Montagmorgen, der Morgen, dem Sunny mit einem unguten Gefühl im Bauch entgegen sah. In ein paar Minuten würde Tommis Zug am Bahnhof ankommen. Er hatte sie angerufen und nachgefragt ob sie ihn abholen kommt. Sie aber hatte gesagt, sie würde lieber zu Hause auf ihn warten.
Sunny saß wie auf Kohlen im Wohnzimmer und wartete darauf, dass sich die Wohnungstür öffnen würde und Tommi da wäre.
Dann endlich war es soweit. Tommi freute sich, seine Freundin wieder zu sehen und wollte sie umarmen. Sunny aber ging auf Abstand. Im Kopf hatte sie sich schon längst zurecht gelegt wie die Aussprache verlaufen sollte.
„Was ist mit dir los“, fragte Tommi, als sie ihn abwehrte.
Sunny sah zu Boden und schluckte als hätte sie einen dicken Brocken im Mund, den sie hinunter schlucken musste. Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen. „Setz dich erst einmal“, sagte sie zu ihm. „Ich muss mit dir reden.“
Tommi nahm in seinem Lieblingssessel Platz und sah sie mit neugierig blickenden Augen an. „Was gibt es denn so wichtiges, dass du mir sogar einen Begrüßungskuss verwehrst“, wollte er wissen.
Sie nahm nun ihren ganzen Mut zusammen und fing an zu sprechen: „Ich habe über uns nachgedacht“, sagte sie leise zu ihm. „Ich sehe für uns beide keine Zukunft mehr. Ich möchte, dass wir getrennte Wege gehen und du die Wohnung hier verlässt.“
Sprachlos sah Tommi sie an. „Wieso das, was geht hier vor sich“, brauste er dann auf. „Wer hat dir hier Hirngespinste vorgegaukelt?“
„Tommi, ich bin nicht glücklich mit dir und ich liebe dich nicht mehr! Das ist der Grund, warum ich keine weitere Zukunft für uns sehe.“
„Da kommt doch noch mehr!“, stocherte er weiter.
„Ja, du hast recht, da kommt noch mehr“, bestätigte sie seine Annahme und sah ihn mit funkelnden Augen an.
„Aha! Da kommt noch mehr! Dachte ich es mir doch! Was ist es? Wer ist der Kerl?“, schrie er sie an, sprang aus seinem Sessel auf und braute sich mit einer drohenden Gebärde vor ihr auf. „Ich schlage dem Typen die Birne ein!“
Sunny wurde bleich. „Es ist kein Kerl“, versuchte sie ihn zu beruhigen. „Es ist eine Frau.“ Sie musste an Alex denken und die Zärtlichkeiten, die sie austauschten und wie schön das jedes Mal mit ihr war.
Tommi sah sie an als hätte er eine Fata Morgana vor sich. Dann schrie er sie weiter an: „Eine Frau? Du verlässt mich wegen einer Lesbenschlampe? Das kann doch wohl nicht wahr sein! Sag jetzt ja nicht, du bist zu den Lesben gewechselt! Das glaube ich dir nicht!“
„Alex ist keine Lesbenschlampe“, verteidigte Sunny ihre Freundin.
Jetzt lief Tommi rot an. Er ging einen Schritt auf Sunny zu, dass sie erschrocken aufsprang und in Richtung Wohnzimmertür flüchtete. „Konnte ich es mir doch denken, dass da wieder diese Alex dahinter steckt, ich konnte die noch nie leiden“, schrie er wieder. „Dieser Schlampe werde ich es zeigen!“
„Nichts wirst du tun!“, fing nun auch Sunny an zu schreien. „Du wirst nur noch eins tun, nämlich deine Sachen packen und hier verschwinden. Und das sehr schnell. Ich gebe dir zwei Stunden Zeit, das nötigste einzupacken, das du bis zum Freitag brauchst und dann verschwinde! Ab Freitagmittag bis Sonntagabend werde ich nicht zu Hause sein, da kannst du deine restlichen Klamotten holen. Wenn ich zurück bin, will ich keinen Fetzen mehr von dir hier sehen!“ Sunny wurde mutig. „Das meine ich ernst, ganz ernst!“, setzte sie noch einen oben drauf.
„Ist das dein letztes Wort?“ versuchte er nun gegenzulenken und Sunny ein schlechtes Gewissen einzureden. „Denke doch mal an die schöne Zeit, die wir zusammen hatten. Willst du das alles einfach wegwerfen?“
„Das ist mein letztes Wort!“, sagte sie mit einem Stolz in der Stimme, der keinen Widerspruch mehr duldete. „Und nun nimm deine Klamotten und geh mir aus den Augen, aber schnell! Du kannst mir kein schlechtes Gewissen mehr einreden. Das hast du lange genug getan. Aber das ist nun vorbei, für immer vorbei! Von dir lasse ich mir nichts mehr einreden!“
„Das wirst du noch bereuen“, versuchte er sie noch einmal einzuschüchtern.
Sunny sah ihn mit ernstem Gesicht an, dann meinte sie: „Ich bereue nichts, gar nichts, und nun: VERSCHWINDE!“
Dass Tommi nicht in tosenden Applaus verfiel, konnte sich Sunny denken. Doch das er so werden würde. Zumal er immer dieses mir geht alles am Hintern vorbei an sich hatte.
Nun war es an Tommi anzusehen zu müssen, dass er mit der Situation überfordert war. Er wusste nicht, wo er anfangen und seine Sachen suchen sollte. Verlassen stand er im Wohnzimmer, während Sunny in die Küche ging und dort darauf warten wollte, bis er die Wohnung verlassen hatte.
Auf einmal hörte sie ein Schluchzen. Heulte dieser Kerl etwa? Der Mann, der sonst so hart war?
Er kam in die Küche und ging auf sie zu: „War es wirklich so schlecht mit uns Beiden“, fragte er.
Sunny erkannte seine Bereitschaft ruhig zu reden. Sie fing an, ihm die letzten Jahre aufzuzählen. Wie sie gekämpft hatte um Aufmerksamkeit. Wie sie gekämpft hatte um ein wenig Liebe und wie sie für die Beziehung gekämpft hatte. Und wie er das immer und immer wieder ignoriert hatte.
Ihm wurde immer mehr bewusst, dass er diese Frau nach und nach von sich weggeekelt hatte und er nun nichts mehr tun konnte, als sie frei zu lassen.
„Sunny, ich kann dich irgendwie verstehen. Ich kann nachvollziehen, dass du weg willst von mir. Doch es war mir nie so bewusst, was ich dir angetan habe“, sagte Tommi leise und sah dabei zum Boden. „Es tut mir leid.“
Sie nahm seine Hand und sprach leise auf ihn ein:„ Weist du, es war nicht alles schlecht. – Doch wir haben uns zu sehr entfernt. Es ist zu kaputt, dass ich dir auch keine Chance mehr geben möchte. Du hättest deine Gelegenheiten nutzen können.“
Tommi wirkte nun ruhig und gelassen. Insgeheim wusste er, dass er bei einer Frau keinen Rivalen hatte - dies wäre unnahbar für ihn.
„Hilfst du mir beim packen“, fragte er Sunny.
Diese wunderte sich zwar über diese Frage, aber nickte ihm mit einem Lächeln zu.
Dann schellte auf einmal ihr Handy. Tommi konnte auf das Display sehen. Denn das Telefon lag offen auf dem Tisch. Er sah, dass dieser Anrufer Alex war.
Sunny sah ihn erschrocken an. Er schaute zu ihr und forderte sie auf: „ Nun geh schon dran! Ich werde dir nicht im Wege stehen. Ich denke, ich habe genug Fehler gemacht.“
Sie ging ans Telefon: „Hey, mach dir keine Sorgen. Es ist alles okay, ich helfe Tommi beim Packen. Ich melde mich nachher bei dir“, sagte sie und legte auf.
Alex am anderen Ende fühlte sich zwar etwas komisch – aber wenn Sunny so redete war wirklich alles okay. Sie wird sich nachher bestimmt bei mir melden, wenn er weg ist, dachte sie sich.
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